Rundfunk: Ein jung gebliebenes Medium


Rundfunk: Ein jung gebliebenes Medium
Rundfunk: Ein jung gebliebenes Medium
 
Achtung! Achtung! Hier ist die Sendestelle Berlin im VOX-Haus auf der Welle 400 Meter. Meine Damen und Herren, wir machen Ihnen davon Mitteilung, dass am heutigen Tage der Unterhaltungs-Rundfunkdienst mit Verbreitung von Musikvorführungen auf drahtlos-telefonischem Wege beginnt. Die Benutzung ist genehmigungspflichtig. Als mit diesen Worten am 29. Oktober 1923 um genau 20 Uhr in Berlin offiziell das Zeitalter des deutschen Rundfunks eingeläutet wurde, hatten das Medium und die damit verbundene Technologie bereits eine Reihe von Jahren der Entwicklung hinter sich. Ohne die theoretischen Erkenntnisse der Elektrizität und die Entwicklungen der Kommunikationstechnik wären Fernsehen und Rundfunk nicht möglich gewesen.
 
Bilder wurden erstmals mit dem Kopiertelegrafen ab 1843 mittels Telegrafenleitungen übertragen und die Fernübertragung des Tons gelang mit dem Telefon, das um 1860 von Johann Phillip Reis erstmals vorgestellt und in den Siebzigerjahren des 19. Jahrhunderts von Alexander Graham Bell zur Funktionsreife entwickelt wurde. Ein wesentliches Merkmal von Radio und Fernsehen, die drahtlose Übertragung von Ton- und Bildsendungen an eine beliebig große Zahl von Empfängern, brauchte jedoch eine der großen Taten der Physik: die Elektrodynamik Maxwells und, darauf aufbauend, die Entdeckung der elektromagnetischen Wellen durch Heinrich Hertz.
 
 Signale durch den Äther
 
Nach der neuartigen Theorie elektromagnetischer Phänomene, die der britische Physiker James Clerk Maxwell zwischen 1861 und 1864 entwickelte, sollten sich elektromagnetische Felder wellenartig mit Lichtgeschwindigkeit im Raum ausbreiten können und diese Wellen sollten sogar wesensgleich mit dem Licht sein. Die glänzende experimentelle Bestätigung dieser Theorie gelang dem deutschen Physiker Heinrich Hertz in den Jahren 1886 bis 1888; er konnte nachweisen, dass die Signale, die ein Funkeninduktor aussandte, mit einem weit entfernten Antennendraht empfangen werden konnten. Theorie und Experiment wirkten auf die physikalische Welt damals wie eine Offenbarung, die alle in Spannung und Staunen versetzte. Hertz starb 1894, noch nicht 37 Jahre alt, und ihm zu Ehren wurde die Einheit der Frequenz von Schwingungen und Wellen »Hertz« genannt. An die Anwendbarkeit seiner Resultate für die drahtlose Signalübertragung hat er selbst jedoch nicht geglaubt.
 
Im Gegensatz dazu war der italienische Ingenieur und Physiker Guglielmo Marconi, ein praktisch veranlagter Autodidakt, fest von dem technischen — und wirtschaftlichen — Potenzial überzeugt, das in den elektromagnetischen Wellen steckte. Mit einer ganz ähnlichen Versuchsanordnung wie Hertz gelang ihm im Mai 1897 die Übermittlung von Signalen über eine 14 Kilometer breite Stelle des Bristolkanals an der Südwestküste Englands. Weiter ließ sich die Reichweite von Marconis Anordnung jedoch kaum mehr steigern. Dem deutschen Physiker Karl Ferdinand Braun fällt das Verdienst zu, mit einer ganzen Reihe entscheidender Erfindungen weitere Pionierarbeit geleistet zu haben: 1898 trennte er den Sender in einen geschlossenen Schwingkreis und einen Antennenkreis, der mit Ersterem nur lose gekoppelt war, wodurch sich erheblich größere Sendereichweiten ergaben. 1899 entwickelte er mit dem Kristalldetektor das erste leistungsfähige Empfangsgerät, 1913 präsentierte er die Rahmenantenne, mit der man die elektromagnetischen Wellen gezielt ausrichten konnte, und zudem konstruierte er 1897 ein Gerät zur Sichtbarmachung schneller elektrischer Schwingungen, das als braunsche Röhre bekannt wurde und im Prinzip noch heute in jedem Fernseher als Bildröhre dient.
 
Mittels der braunschen Sendeanordnung gelang schließlich Marconi 1901 die erste transkontinentale Funkverbindung. Als dann noch 1907 der amerikanische Funkingenieur Lee de Forest mit seiner Audion-Röhre die Möglichkeit der Verstärkung der schwachen Empfangssignale vorgestellt hatte, war das technische Rüstzeug für den Rundfunk im Prinzip vorhanden; es galt nun, die gegebenen Möglichkeiten zu nutzen.
 
 Weltkrieg und Reichsfunknetz
 
Die Idee eines Rundfunks, bei dem an zentraler Stelle Informations- und Unterhaltungssendungen für eine große Zahl von Hörern produziert wird, war zu dieser Zeit noch nicht geboren; die drahtlose Signalübermittlung diente noch fast ausschließlich der Telegrafie und — nachdem 1906 das Prinzip entwickelt worden war, die Signalschwingungen einer kontinuierlichen Trägerwelle zu überlagern (aufzumodulieren) — auch der Telefonie. In Deutschland war ohnehin das Senden wie das Empfangen von Funksignalen für den Privatmann streng verboten, und das blieb so bis 1923.
 
Im Ersten Weltkrieg gewann die Funktechnik schnell an Bedeutung, als die militärischen Führungen auf die strategischen Möglichkeiten der drahtlosen Nachrichtenübertragung aufmerksam wurden. So stieg die Stärke der Nachrichtentruppe allein im Deutschen Reich im Verlauf des Krieges von 5800 auf 185 000 Mann an. Nach dem Kriegsende 1918 schlossen sich zahlreiche Heeres- und Marinefunker in Verbänden zusammen und forderten, das Funkwesen selbstständig betreiben zu dürfen. Der ehemalige Telefunken-Direktor und neu ernannte Leiter der Funkabteilung des Reichspostministeriums Hans Bredow, der »Vater des deutschen Rundfunks«, setzte sich jedoch entschieden für eine Angliederung des Funks an die Reichspost ein, eine Forderung, der die Regierung, nicht zuletzt unter dem Eindruck des Funkerspuks von 1918, bereitwillig nachgab. Das durch die Demobilisierung frei gewordene militärische Funkgerät konnte nun dem Aufbau eines zivilen Funknetzes dienen. Dieses Reichsfunknetz bestand zunächst aus der ehemaligen Heeres-Hauptfunkstelle Königs Wusterhausen, zwanzig Sendestellen und 76 Empfangsstellen. Über dieses Netz verbreitete die Post einen regelmäßigen telegrafischen Presse-Rundspruchdienst. Den Nachrichtenstoff lieferten verschiedene Presseagenturen. Vom Sender Königs Wusterhausen wurden diese Nachrichten zu den Postämtern mit Empfangseinrichtungen im ganzen Reichsgebiet verteilt. Die belieferte Presse erhielt die Meldungen telefonisch zugesprochen oder per Boten zugestellt.
 
Im Oktober 1923 war es dann nach einer längeren Testphase so weit. Der deutsche Rundfunk nahm offiziell seinen Betrieb auf und gleichzeitig wurde der Empfang von Rundfunksignalen für jedermann zugelassen, sofern er eine — zunächst noch sehr kostspielige — Lizenz erworben hatte und weiterhin regelmäßig seine Rundfunkgebühren entrichtete. Um zugelassen zu werden, mussten die Empfangsgeräte mancherlei technische Beschränkungen einhalten; so durften sie beispielsweise nicht in der Lage sein, auch Rundfunksignale auszusenden.
 
 Wellenchaos und staatliche Reglementierung
 
In den USA, wo jedermann senden und empfangen durfte, wie er wollte, hatte die Geschichte des Hörfunks schon früher begonnen. Als Gründungsdatum des amerikanischen Rundfunks gilt Weihnachten 1906, als ein Funkamateur Musik und Gedichte in den Äther sandte, die von Schiffen und anderen Funkern in einigen hundert Kilometern Umkreis empfangen werden konnten. Der Kriegseintritt der USA brachte den Funkern allerdings Einschränkungen, da die Weitergabe militärischer Geheimnisse verhindert werden sollte. In dieser Zeit gab es jedoch auch schon Pläne, einen kommerziellen Rundfunk aufzubauen. Sie wurden im November 1920 mit der Gründung der ersten Radiostation in die Tat umgesetzt. Ein Jahr später operierten bereits acht Radiosender, und im November 1922 waren es bereits weit über 500.
 
Bis dahin waren die amerikanischen Radiostationen völlig frei und konnten auf beliebigen Frequenzen senden. Absprachen zwischen den Herstellern von Radiogeräten und den größten Sendestationen führten jedoch zu der Befürchtung, ein Monopol würde sich entwickeln. Um dies zu verhindern und gleichzeitig die chaotische Situation in der Belegung der Frequenzen zu beenden, wurde in den USA 1927 eine Bundesbehörde gegründet, die fortan die Vergabe der Radiofrequenzen regelte.
 
Auch in Großbritannien begann man bereits 1919 mit ersten regelmäßigen Funkübertragungen, die jedoch 1920 nach Einspruch des Militärs wieder eingestellt werden mussten. Der Post fiel nun die Aufgabe zu, Lizenzen für Sende- und Empfangsanlagen zu vergeben. Über dreitausend Lizenzen zeigten Anfang 1921 das große Interesse der Funkgemeinde, die durch Petitionen die Wiederaufnahme eines bescheidenen fünfzehnminütigen Programms erreichen konnten. Angespornt vom kommerziellen Erfolg des Radios in den USA wurde im Oktober 1922 die British Broadcasting Corporation (BBC) als Zusammenschluss von Radioherstellern und der britischen Post gegründet. Sie finanzierte sich bereits durch festgelegte Rundfunkgebühren. 1927 wurde die Firma jedoch geschlossen und als öffentlich-rechtlicher Sender unter verändertem Namen, nämlich als British Broadcasting Corporation, neu gegründet. Die Programmgestaltung oblag dem Verwaltungsrat, der wiederum dem britischen Parlament gegenüber verantwortlich war. Obwohl die BBC bis weit nach dem Zweiten Weltkrieg ein staatlicher Monopolbetrieb war, wurde so eine direkte Einflussnahme der Regierung auf den Sendebetrieb ausgeschlossen.
 
Weltweit boomte in den frühen Zwanzigerjahren das Radiogeschäft. Der erste französische Sender in La Hague ging 1919 in den Äther, erste Sendungen aus Kanada waren ab 1920 zu hören, ab 1921 auch aus Australien und Neuseeland, 1922 begann in Dänemark und Russland der Sendebetrieb.
 
 Frühe Tage des deutschen Rundfunks
 
Die Zahl der offiziellen Rundfunkgenehmigungen blieb in Deutschland jedoch nach dem offiziellen Start im Oktober 1923 zunächst — nicht zuletzt aufgrund der Inflation — gering. Bis 1. Dezember 1923 wurden ganze 467 Genehmigungen erteilt. Die Zahl der »Zaungäste«, wie Schwarzhörer damals genannt wurden, ging dagegen in die Zehntausende. Die Regierung empfand diese ungebetenen Hörer zeitweilig als ernste Bedrohung ihres Hoheitsrechts und verhängte drakonische Strafen. Neben Geldstrafen war Schwarzhören mit bis zu sechs Monaten Gefängnis geahndet. Geregelt wurde dies durch eine Funknotverordnung vom März 1924. Als diese Verordnung zu greifen begann, wuchs auch das Vertrauen der Regierung in das neue Medium. Das Innenministerium gründete zwei Rundfunkgesellschaften, zudem erhielt ein Privatkonzern eine Rundfunklizenz. Gleichzeitig wurden die Gebühren drastisch gesenkt, von 350 Millionen Mark Ende 1923 auf zwei Reichsmark Mitte 1924. Die Inflation war überwunden, und die Zahl von offiziellen Rundfunkteilnehmern stieg bis Ende 1924 auf eine halbe Million.
 
Auf der technischen Seite verdrängten die Röhrenapparate weltweit nach und nach die bislang führenden Geräte mit Kristalldetektoren. Elektronenröhren dienten in ihnen als Gleichrichter und Verstärker. Sie waren leistungsfähiger als die auf Silicium basierenden Halbleiterverstärker und dominierten beinahe fünfzig Jahre lang — bis zur Entwicklung von Halbleitertransistoren — Aussehen und Leistung von Radioapparaten. Mit Einführung der Verstärkerröhre konnten Lautsprecher die bislang verwendeten, empfindlicheren Kopfhörer ablösen. Damit war der Weg geebnet, damit der Radioapparat von einer Spielerei für Einzelne zum Massenmedium werden konnte.
 
 Der Rundfunk im Würgegriff
 
Bereits in den Tagen der Weimarer Republik waren den Rundfunksendern inhaltliche Auflagen gemacht worden. Politische Äußerungen im Rundfunk waren untersagt. Das Prinzip strenger Überparteilichkeit wurde durch Überwachungsausschüsse und Kulturbeiräte bei jeder Rundfunkgesellschaft kontrolliert. Die Mitglieder dieser Gremien wurden von der jeweiligen Landesregierung und vom Reichsinnenministerium delegiert. Ansprachen von Politikern im Rundfunk waren denn auch die Ausnahme. Verboten waren zudem Erotik und Satire. Erst Ende der Zwanzigerjahre waren diese Auflagen stufenweise gelockert worden. Nun durften Beiträge zu aktuellen Themen der Zeit gesendet werden, wie etwa zur Wirtschaftskonjunktur, zur Wehrmacht oder zum Alkoholmissbrauch. Später traten gelegentliche »Ansprachen verantwortlicher Staatsmänner« hinzu. Aber unter der Regierung von Papen wurde der Rundfunk vollends zum Staatsorgan, und die Nationalsozialisten nutzten die Möglichkeiten des Mediums vom ersten Tag ihrer Regierung an für ihre Zwecke. Sie wandelten den zu Zeiten der Republik unpolitischen und überparteilichen Rundfunk in ein tragendes Element der nationalsozialistischen Propagandamaschinerie um. Die Verbreitung von Empfangsanlagen wurde fortan massiv gefördert. Damit der gleichgeschaltete Rundfunk auch die Massen erreichen konnte, sollte der Radioempfänger von einem Luxusartikel zu einem Massenprodukt werden. Dies wurde 1934 mit der Massenfertigung eines preiswerten Empfangsgerätes erreicht, für das mit dem Slogan »Ganz Deutschland hört den Führer mit dem Volksempfänger« geworben wurde. Bis 1935 wurden mehr als eine Million dieser Geräte hergestellt, wobei der Preis von anfänglich 76 Reichsmark auf 59 Reichsmark fiel. Alternativ konnte ein noch preiswerteres und technisch einfacheres Kleingerät, als »Goebbels-Schnauze« bekannt, erworben werden, anlässlich der Olympiade 1936 auch ein tragbarer Radioapparat, der mit Batterien betrieben wurde.
 
Der Rundfunk wurde verstaatlicht, das heißt, die bis dahin bestehenden elf unabhängigen Rundfunkgesellschaften wurden aufgelöst, in Reichssender umgegliedert und dem Ministerium für Volksaufklärung und Propaganda unterstellt. Die Gleichschaltung erfolgte im Rundfunkbereich durch Einrichtung der Reichsrundfunkkammer, die auch die ab 1938 zur Mitarbeit an Rundfunkproduktionen erforderliche Mikrofon-Eignungspüfung durchführte. Die Programme erhielten, nicht zuletzt durch die permanente Übertragung der Reden Hitlers und seiner Handlanger, ein einseitig politisiertes Profil. Die Musikauswahl konzentrierte sich auf die als »deutsch« empfundene Volks- und Marschmusik, ab 1935 war der als »Negermusik« denunzierte Jazz verboten. Gleichzeitig wurde das Rundfunkhören zur staatsbürgerlichen Pflicht erklärt. Das bezog sich aber nur auf die deutschen Sender. Da der Volksempfänger nur auf starke Mittel- und Langwellensender ausgerichtet war, konnten die ausländischen Sender, die auf Kurzwelle zu empfangen gewesen wären, nicht in die nationalsozialistische Propaganda hineinfunken.
 
Trotz der massiven Förderung des Rundfunks durch die Nationalsozialisten lagen die Hörerzahlen in Deutschland noch lange unter denen in den Pionierländern USA und in Großbritannien. 1934 konnte in Deutschland ein Drittel der Bevölkerung die Radioprogramme verfolgen, bis 1937 waren es 46,9 Prozent. In den USA lag die Empfangsdichte 1937 bereits bei 78,3 Prozent, in Großbritannien besaßen zwei Drittel der Haushalte einen Radioapparat. In Deutschland wurden vergleichbare Werte erst 1941 mit 65 Prozent erreicht.
 
 Krieg und Rundfunk
 
Ein von der SS inszenierter Angriff auf den Sender Gleiwitz, damals nahe der polnischen Grenze, diente als Vorwand für den Beginn des Zweiten Weltkriegs, in dem Funk und Rundfunk intensiv militärisch und propagandistisch genutzt wurden. So wurden etwa militärische Nachrichten mittels Ultrakurzwelle zwischen frontnahen Einheiten und den Stäben in rückwärtigen Stellungen ausgetauscht und Bomberflotten bestimmten ihre Position anhand von Kreuzpeilungen der Richtung zu bestimmten Sendern. Diese wurden daher bei Einflug eines gegnerischen Bomberverbands abgeschaltet.
 
Die Propagandamaschine lief während des Zweiten Weltkriegs auf beiden Seiten der Front auf Hochtouren. Die politische Prominenz konnte mit ihren Reden über das Radio einen Großteil der Bevölkerung erreichen und zu noch intensiveren Kriegsanstrengungen aufrufen. Siegesmeldungen wurden verbreitet und Durchhalteparolen sollten die Moral der von Bombenangriffen demoralisierten Bevölkerung stärken.
 
Das Abhören ausländischer Sender wurde in Deutschland sofort nach Kriegsbeginn verboten und als »Verbrechen gegen die nationale Sicherheit« mit schweren Zuchthausstrafen geahndet. Ab Mitte 1941 kam es sogar zu Todesurteilen wegen Hörens ausländischer Rundfunksender.
 
 Öffentlich-rechtlich, dezentralisiert und ultrakurzwellig
 
Mit dem Ende des Krieges war auch das Schicksal des Reichsrundfunks besiegelt. Zunächst übernahmen die Alliierten die Kontrolle über die Rundfunksender. Jede unbeaufsichtigte Sendetätigkeit von Deutschen war verboten und die noch betriebsbereiten Sendeanlagen standen unter Besatzungsrecht. Die Besatzungsmächte richteten in ihren Zonen dezentrale Sendeanlagen ein, wie etwa in München, Frankfurt, Stuttgart, Bremen, Hamburg, Berlin oder Baden-Baden. In der sowjetisch besetzten Zone wurde 1946 die »Generalintendanz des deutschen demokratischen Rundfunks« gegründet.
 
Diese Sendeanlagen bildeten im Westen den Keim der späteren bundesrepublikanischen Landesrundfunkanstalten, wie etwa dem Südwestfunk in Baden-Baden oder dem Nordwestdeutschen Rundfunk in Hamburg. Die Programme wurden von Besatzungsoffizieren kontrolliert und teilweise auch produziert, wobei die Inhalte auf eine Umerziehung der deutschen Bevölkerung abzielten. Sie boten darüber hinaus jedoch auch praktische Ratschläge für den Alltag, Unterhaltung in Form musikalischer Sendungen aller Stilrichtungen oder das in einer Diktatur undenkbare politische Kabarett.
 
Zwischen 1948 und 1949 wurden die bisherigen westdeutschen Militärsender nach dem Vorbild der britischen BBC in Landessender des öffentlichen Rechts unter deutscher Verwaltung umgewandelt. Besonders die amerikanischen Besatzungsbehörden setzten sich für einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk ein, der nicht mehr von der staatlichen Macht abhängig war. Zumindest formal unabhängige Kontrollkommissionen, in denen alle relevanten gesellschaftlichen Gruppierungen vertreten sein sollten, kontrollieren seither das Programm und haben die Aufgabe, ein ausgewogenes und pluralistisches Programm zu gewährleisten.
 
In der DDR beschritt der Rundfunk unter sowjetischem Einfluss andere Wege. 1952 wurde hier das Staatliche Rundfunkkomitee als Nachfolgeorganisation der »Generalintendanz des deutschen demokratischen Rundfunks« gegründet, das »nach dem Vorbild des Rundfunks in der Sowjetunion und der Volksdemokratien (...) den deutschen demokratischen Rundfunk« reorganisieren sollte; die Entlassung des Rundfunks in die politische Unabhängigkeit fand nicht statt.
 
In der Zeit nach 1945 gingen immer mehr Hörfunkprogramme auf Sendung, die sich den begrenzten Frequenzbereich der Radiowellen teilen mussten. Auf der Kopenhagener Lang- und Mittelwellenkonferenz im Sommer 1948 wurde daher eine Neuverteilung der für den Rundfunk verwendeten Radiofrequenzen beschlossen. Seither liegen die von der Sendeantenne ausgestrahlten Wellen, die sich durch ihre Wellenlänge und entsprechend durch ihre Frequenz voneinander unterscheiden, in festgelegten Frequenzbereichen: Lang-, Mittel-, Kurz- oder Ultrakurzwellen. Die Frequenzbereiche dazwischen bleiben beispielsweise dem Polizeifunk und anderen Sprechfunkverbindungen vorbehalten. Die Übertragungseigenschaften der Bereiche, wie etwa die Reichweite, die Bandbreite, der Einfluss von Tag und Nacht oder Funkstörungen, sind dabei verschieden.
 
Für den regionalen Hörfunk eignet sich besonders die Ultrakurzwelle, die kaum unter den Horizont reicht und somit eine geringe Reichweite besitzt. Geboren wurde die Idee, auf UKW zu senden, aus der Not heraus. Auf der Kopenhagener Konferenz war Deutschland als Kriegsverlierer nicht vertreten und bekam daher nur ein absolutes Minimum der begehrten Mittelwellenfrequenzen zugesprochen. Da in der Folge zu wenige Frequenzbänder für die deutschen Rundfunkanstalten zur Verfügung standen, konnten weite Teile Deutschlands nicht mehr über Mittelwelle erreicht werden. In nüchterner Vorausahnung dessen war in Deutschland bereits kurz vor In-Kraft-Treten der Kopenhagener Beschlüsse der UKW-Bereich erschlossen worden, und die ersten Sender nahmen den Betrieb in diesem Bereich auf, der sich bald wegen seiner überlegenen Übertragungsqualität als »Welle der Freude« entpuppte. Da sich Ultrakurzwellen praktisch nur geradlinig ausbreiten und daher nicht hinter den Horizont gelangen können, musste das Sendegebiet in Abständen von etwa 50 bis 200 Kilometern mit Sendeantennen bestückt werden. Heute werden die Rundfunksignale in Deutschland, ausgehend von einem Sternpunkt auf dem Großen Feldberg im Taunus, über ein Netz von Richtfunkstrecken an diese Sendeantennen übermittelt. Die Sendeantennen sind Gruppen von Dipolantennen.
 
Im Juni 1950 schlossen sich die westdeutschen Landesrundfunkgesellschaften zur »Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland« (ARD) zusammen. In den folgenden Jahren wurde der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Westdeutschland weiter ausgebaut: Die ARD gründete 1953 einen Kurzwellenauslandsdienst, die Deutsche Welle (DW), 1954 nahm der Sender Freies Berlin (SFB) als siebter ARD-Sender den Sendebetrieb auf, 1956 wurde der NWDR in den NDR mit Sitz Hamburg und den WDR mit Sitz in Köln aufgeteilt und 1959 wurde der Saarländische Rundfunk (SR) gegründet. Im Osten hingegen wurden alle Landessender aufgelöst und es gab hinfort nur noch drei zentrale Hörfunkprogramme: »Berlin I« bis »Berlin III«. Erst nach dem Fall der Berliner Mauer 1989 änderte sich die politische Organisation des DDR-Rundfunks hin zu einer dezentralen, unabhängigen Struktur — eine Entwicklung, die nach der Wiedervereinigung Deutschlands in die Gründung zweier neuer ARD-Sendeanstalten 1991 mündete, des Ostdeutschen Rundfunks Brandenburg (ORB) und des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR).
 
 Raumklang im Wohnzimmer
 
Dem immer attraktiver werdenden Programmangebot des Fernsehens setzte der Hörfunk am 30. August 1963 eine technische Innovation entgegen: Der Zweikanalton (Stereophonie) wurde eingeführt. Bis 1968 betrieb jede Landesrundfunkanstalt mindestens ein UKW-Sendernetz stereophon. Damit konnte Hörfunk in einer besseren Tonqualität ausgestrahlt werden, als dies beim Fernsehen damals möglich war.
 
Dafür musste zunächst jedoch das Problem gelöst werden, wie beide Signale des Stereotons über einen einzigen Rundfunkkanal übertragen werden können, und zwar auf eine solche Art und Weise, dass die Sendungen auch mit einkanaligen Mono-Empfangsgeräten gehört werden können. Die Lösung war das Pilottonverfahren: Die Signale für den rechten und den linken Kanal werden in ein erstes Signal umgewandelt, das die gesamte Information trägt, die für eine einkanalige (monophone) Wiedergabe nötig ist, und in ein zweites Signal, das Differenzsignal zwischen rechtem und linkem Kanal, das die Information für den Richtungseindruck enthält. Um beide Signale auf der gleichen Trägerwelle versenden zu können, wird das Differenzsignal mit einer Hilfsträgerwelle, deren Frequenz mit 38 Kilohertz weit außerhalb des Hörfrequenzbereichs liegt, amplitudenmoduliert und dieses modulierte Signal dann zusammen mit dem Monosignal der Hauptträgerwelle aufgepackt. Das Charakteristische des Pilottonverfahrens ist, dass die Hilfsträgerwelle beim Versenden des Signals nicht mit ausgestrahlt wird. Als Ersatz wird ein konstanter Pilotton mit einer Frequenz von 19 Kilohertz übertragen, aus dem im Empfänger die Hilfsträgerwelle zurückgewonnen werden kann. Durch diesen Kniff wird die Übertragungsgüte des Differenzsignals verbessert, ohne dass die Bandbreite erhöht werden müsste.
 
 Auf dem Weg zum digitalen Rundfunk
 
Noch einen Schritt weiter geht das digitale Radio, das die technischen Erkenntnisse aus der Mobilfunktechnik ausnutzt, um Radiosignale in digitaler Form auszustrahlen. Allerdings sind diese digitalen Signale, da sie im Ultrahochfrequenzbereich gesendet werden, wie beim Mobilfunk auf einen Sendebereich von wenigen Kilometern Radius beschränkt. Eine großräumige Versorgung mit dem digitalen Radio kann daher nur gewährleistet werden, wenn ein flächendeckendes Netz von Sendemasten errichtet wird. Initiiert wurde das europäische Projekt »Eureka EU 147«, das Vorschläge für ein digitales terrestrisches Rundfunksystem unter dem Kürzel DAB (für englisch: Digital Audio Broadcasting) erarbeiten sollte, im Jahr 1986 von deutscher Seite. Derzeit (1999) befindet sich das digitale Radio in einem problematischen Zwischenstadium. Da noch kein großer Markt besteht, wird die Entwicklung kompakter Empfangsgeräte von der Industrie nicht forciert. Wegen der nicht vorhandenen Geräte schrecken die Sender vor den hohen Investitionen zurück, die mit der Errichtung des Sendernetzes verbunden wären, wodurch wiederum die Anschaffung von Empfängern für den Konsumenten uninteressant bleibt.
 
Demgegenüber hat sich die Digitaltechnik im Rundfunkstudio inzwischen fest etabliert. Für Musikproduktionen werden heute zumeist digitale Techniken eingesetzt, da sie die Produktionsabläufe verbessern und gestatten, bei der Nachbearbeitung auch die kleinsten Details zu korrigieren.
 
Dipl.-Ing. Regina Klepsch
 
Weiterführende Erläuterungen finden Sie auch unter:
 
Fernsehen: Übertragung von Bild und Ton
 
 
Dussel, Konrad: Deutsche Rundfunkgeschichte. Eine Einführung. Konstanz 1999.
 Grundmann, Birgit: Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten im Wettbewerb. Baden-Baden 1990.
 Hermann, Siegfried u. a.: Der deutsche Rundfunk. Faszination einer technischen Entwicklung. Heidelberg 1994.
 
Medien im Wandel, herausgegeben von Werner Holly und Bernd Ulrich Biere. Opladen u. a. 1998.
 
Medienwirkungen. Einflüsse von Presse, Radio und Fernsehen auf Individuum und Gesellschaft, herausgegeben von Winfried Schulz. Weinheim u. a. 1992
 Müller, Jörg Paul / Grob, Franziska B.: Radio und Fernsehen. Kommentar zu Art. 55 bis BV. Basel u. a. 1995.
 Pape, Martin: Deutschlands Private. Privater Hörfunk, privates Fernsehen im Überblick. Neuwied u. a. 1995.
 
Rundfunk in Deutschland. Entwicklungen und Standpunkte, herausgegeben von Karl Friedrich Reimers und Rüdiger Steinmetz. München 1988.
 Thaller, Georg E.: Satelliten im Erdorbit. Nachrichten, Fernsehen und Telefonate aus dem Weltall. München 1999.
 Voges, Edgar: Hochfrequenztechnik, Band 2: Leistungsröhren, Antennen und Funkübertragung, Funk- und Radartechnik. Heidelberg 21991.
 
Was Sie über Rundfunk wissen sollten. Materialien zum Verständnis eines Mediums, Beiträge von Ansgar Diller u. a. Berlin 1997.
 Wiesinger, Jochen: Die Geschichte der Unterhaltungselektronik. Daten, Bilder, Trends. Frankfurt am Main 1994.

Universal-Lexikon. 2012.

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  • Rundfunk — Äther; Hörfunk; Radio; Funk * * * Rund|funk [ rʊntfʊŋk], der; s: Einrichtung, bei der akustische Sendungen drahtlos ausgestrahlt und mithilfe eines Empfängers gehört werden: der Rundfunk sendet ausführliche Nachrichten; das Konzert wird im… …   Universal-Lexikon

  • Fernsehen: Übertragung von Bild und Ton —   Das Fernsehen baut auf denselben Basistechnologien wie der Hörfunk auf: Bild und Ton müssen in elektrisch übertragbare Signale gewandelt werden. Es konnte wie das Radio von den Erfindungen und Entwicklungen im Bereich der Telegrafie profitieren …   Universal-Lexikon

  • Hörfunk — Äther; Rundfunk; Radio; Funk * * * Hör|funk 〈m. 1; unz.〉 Rundfunk * * * Hör|funk, der: Rundfunk (im Unterschied zum Fernsehen). * * * Hörfunk,   Hörrundfunk, Tonrundfunk, Rundfunkdienst, der ausschließlich akustische Sig …   Universal-Lexikon